Gegenwart ist wichtiger als noch ein Othello

Artikel von Patrick Wildermann  in „Der Tagesspiegel“ vom 19.09.2010.

Klara Höfels kämpft für ein Autorentheater BerlinGegenwart ist wichtiger als noch ein Othello. Klara Höfels kämpft für ein Autorentheater in Berlin.

Was ist das nun: Mut oder Übermut? Beharrlichkeit oder Besessenheit? Auf alle Fälle nötigt es einem den Respekt ab, den man sonst Extremsportlern entgegenbringt, mit welcher Ausdauer und Rückschlags Resistenz Klara Höfels an einem Vorhaben festhält, das sie selbst, lächelnd, „das Projekt, das ich so manisch betreibe“ nennt. Höfels, die als Schauspielerin eine blühende Staatstheaterkarriere hatte und die sich noch lange durch den hochdotierten Klassikerkanon hätte spielen können, hat sich mit Leib, Seele und Vermögen der Idee eines Autorentheaters verschrieben. Ein Konzept, das den Dramatiker in den gesamten Prozess der Inszenierung einbezieht, ihm weitreichende Mitsprache einräumt, aber auch Offenheit etwa für Kürzungen im Kollektiv verlangt.

Kein Fall für Egokünstler, auf keiner Position, „aber es funktioniert“, wie Höfels betont, Bühnen wie das Royal Court Theatre in London oder das Traverse Theatre in Edinburgh machten es vor. Warum nur gibt es so eine Institution nicht in Deutschland, nicht in der Hauptstadt? Seit zwanzig Jahren kämpft Klara Höfels für ihr Autorentheater. Jetzt unternimmt sie, im Kesselhaus der Kulturbrauerei, ihren vierten Anlauf in Berlin.

Höfels hat ihr Sendungsbewusstsein weit getragen. Von den Mitbestimmungshäusern in Kiel bei Dieter Reible und Peter Palitzsch in Frankfurt in den siebziger und frühen achtziger Jahren, über das Residenztheater München bis zum Staatstheater Stuttgart. Sie verließ das Ensemble, lernte den jungen Regisseur und Autor Christian Achmed Gad Elkarim kennen – und entflammte für sein radikales Gegenwartsdenken.

Die beiden zogen eigene Produktionen in Stuttgart auf und bewarben sich 1994 um das Schlossparktheater in Steglitz. Beim nächsten Anlauf, 1998, versuchte sie zusammen mit dem Autor Oliver Bukowski die Tribüne zu übernehmen Und zuletzt, von 2005 bis 2006, stellte sie im Literaturhaus immerhin 16 Gegenwartsautoren in szenischen Lesungen vor, tolle Schauspieler waren dabei, Miriam Goldschmidt, Walter Kreye, aber sie bekam keine Förderung, niemand verdiente einen Cent.

Klara Höfels hat sich einen Monolog von Marlene Streeruwitz vorgenommen, „Der Abend nach dem Begräbnis der besten Freundin“, Regie führt Gabriele Jakobi, sie selbst spielt. Nicht aus Geltungsdrang, mit ihrem Talent will sie Überzeugungsarbeit leisten für das Autorentheater, einmal mehr zeigen, „dass gute Gegenwartsstücke wichtiger sind als der zehnte Othello“.

Höfels hat einen Verein gegründet, um Sponsorengelder einwerben zu können. Sie hat mit dem Kesselhaus der Kulturbrauerei einen „magischen Raum“ gefunden. Sie bekommt Fürsprache und Unterstützung, auch durch Kesselhaus-Geschäftsführer Sören Birke. Und sie hat ein klares Konzept: Alle vier Wochen, am Samstag, will sie ab 2011 ein Gastspiel einladen, Inszenierungen aus Dresden, Magdeburg, Kiel, von Gegenwartsdramatikern wie Dirk Laucke, Nis-Momme Stockmann oder Sabine Harbeke. Am Sonntag darauf soll dann, von Berliner Schauspielern und Regie, ein neuer Text des jeweiligen Dramatikers in szenischer Lesung vorgestellt werden. Höfels hat Subventionen beim Hauptstadtkulturfonds beantragt.

Es existieren etliche Festivals, Fördergänge, Stückemärkte, die Autoren auf die Sprünge helfen. Warum also noch ein Autorentheater?

„Weil es den einen Ort braucht, an den Sie immer zurückkommen können“, sagt Höfels mit Entschiedenheit, „und der ausschließlich der Gegenwartsdramatik gehört“.

Der Abend nach dem Begräbnis der besten Freundin“ von Marlene Streeruwitz hat am heutigen Sonntag im Kesselhaus der Kulturbrauerei Premiere, 18 Uhr.