Die Bühne braucht den Klinsmann-Effekt

Auszüge aus dem Artikel von Christine Wahl  in „Der Tagesspiegel“ vom 22.08.2006.

Klara Höfels und der Klinsmann-EffektDie Bühne braucht den Klinsmann-Effekt

Das Monodrama „Leonida“ von Volker Lüdecke, das jetzt im Literaturhaus Uraufführung hatte, entstand in direkter Zusammenarbeit des Autors mit der Schauspielerin sowie dem Regisseur Hermann Treusch. Genau wie die neuen Theatertexte, die die Initiatorin und künstlerische Leiterin Klara Höfels hier seit einem Jahr an jedem ersten Sonntag im Monat von wechselnden Regisseuren, Schauspielern und Autoren in szenischen Lesungen vorstellen lässt. Inhalt und Präsentationsform sind nicht neu: Institutionen wie die Berliner Schaubühne, das Hamburger Thalia Theater oder der Stückemarkt des Theatertreffens haben sich als dramatische Trend- und Talentscouts längst etabliert. Nur werden die Autoren bei Höfels direkt in den theatralen Produktions-, sprich: den Probenprozess einbezogen: ein Konzept, das man von amerikanischen oder europäischen Erfolgsbühnen wie dem Londoner Royal Court Theatre kennt und das im Idealfall allen Beteiligten Inspirationsschübe oder gar neue Arbeitserkenntnisse beschert.

„Wenn die Gruppe die Möglichkeit hätte, über einen Probenzeitraum von vier, sechs Wochen gemeinsam mit dem Autor am Text zu arbeiten, könnten aus vielen Stücken, die noch Schwachstellen haben, richtig starke Dramen entstehen“, ist die Theaterleiterin überzeugt. Höfels verficht, mit anderen Worten, eine Art Klinsmannisierung des deutschen Theaters: Mit Teamgeist, Selbstvertrauen und kollektiver Inspiration soll aus heftig differierenden Einzelleistungen das optimale Ganze entstehen. Wie weit man es im Idealfall damit bringen kann, ist bekannt.

Alles andere als ideal sind allerdings die Rahmenbedingungen. Zwar unterstützen renommierte Schauspieler und Regisseure wie Wiebke Frost, Miriam Goldschmidt oder eben Hermann Treusch die Initiative. Aber von vier- bis sechswöchigem Probenluxus kann natürlich keine Rede sein: Mehr als drei Leseproben sind nicht drin; das Autorentheater bekommt keinerlei finanzielle Zuwendungen. Gearbeitet wird komplett unentgeltlich, den Saal stellt das Literaturhaus mietfrei zur Verfügung und alle weiteren Ausgaben bestreitet Höfels aus ihrer Privatkasse – logischerweise kein dauerhaftes Finanzierungsmodell.

Die szenischen Lesungen sollen nur ein erster Schritt sein. Stattdessen will Höfels richtige Inszenierungen erarbeiten. Einen Partner hat sie schon: Das Scena Theatre Washington möchte die Otho Eskins Stück „Duett“, dass das Autorentheater in szenischer Lesung präsentiert, koproduzieren. Voraussetzung allerdings ist, dass sie für die Geschichte über die Begegnung von Sarah Bernhardt und Eleonore Duse, die in den USA gerade verfilmt wird, vorher ein deutsches Theater als weiteren Koproduktionspartner finden.

 Nächste Veranstaltung am 3.9., 18 Uhr, im Literaturhaus: „Duett“ von Otho Eskin