Theater im Aufbruch

Gönnenweins Stiefkinder

Journal/ Theater (Stuttgarter Journal), Februar 1991
von Helmut Hauschild

Woran liegt’s, dass das Theater so wenig junge Autoren hervorbringt? Vom 5. bis 10. Februar veranstaltet die Württembergische Landesbühne Esslingen eine „Woche des Gegenwartstheaters“, bei der genau dieser Frage nachgegangen werden soll. Gleichzeitig wollen in Stuttgart drei Theaterleute mit einer Autorenbühne das Theater vor der Mutation zum angepassten Museum retten.

Auf den Spielplänen dominieren die Klassiker, und mit ihnen Allgemeingültiges in mehr oder weniger modischer Verpackung. Für Skandale sorgen allenfalls noch leere Theaterkassen. Das Zeitstück mit brisanter Aussage, die Provokation des Zuschauers, findet nur selten statt. „Politische Gegenwartsdramatik“ ist das Thema der Esslinger Theaterwoche. Nur vordergründig geht es hier um Inhalte, denn der eigentliche Grund der Krise des (Gegenwarts)theaters liegt tiefer. Theater und Autor verstehen sich nicht. Obwohl beide ohne einander nicht leben können, gibt es in ihrer Arbeit kaum Berührungspunkte. Im stillen Kämmerlein schreibt der Autor sein Stück, und selbst wenn das dann von einem Verlag ins Programm genommen wird, dauert es durchschnittlich zwei Jahre, bis sich, wenn überhaupt, ein Theater zur Uraufführung entschließt. Doch dann sind viele Themen schon Schnee von gestern.

Hinzukommt, dass viele Autoren, da nie bei den Proben dabei, keine Ahnung von Theaterarbeit haben. Das bringt Ihnen regelmäßig den Vorwurf ein, ihre Stücke sein nicht spielbar. Doch ein Theater, dass sich nicht um seine Autoren kümmert, muss sich nicht wundern, wenn nichts verwertbares geschrieben wird und die fähigsten Köpfe in anderen Medien abwandern.

Die Esslinger haben über 20 Autoren eingeladen, darunter Thomas Brasch, Peter Turrini, Manfred Karge und Urs Widmer, um mit ihnen, Intendanten und Regisseuren die Probleme zu beraten und nach neuen, gemeinsamen Wegen zu suchen. Für das Publikum sind vor allem die Inszenierungen interessant: Anschauungsunterricht in Sachen Gegenwartsdramatik. Ferner gibt es Lesungen verschiedener Autoren, ein Beiprogrammen im Kommunalen Kino zu Theater im Film – und es darf mitgeredet werden. Podiumsdiskussionen, Symposien und Vorträge finden statt, bei denen ganz bewusst Publikumsmeinung gefragt ist.

In Stuttgart wollen derweil die Schauspielerin Klara Höfels, der Schauspieler und Autor Helmut Lorin und der Regisseur C.A. Gad Elkarim ein Autorentheater gründen, in dem ausschließlich die Stücke junger Dramatiker aufgeführt werden. Deren aktive Teilnahme an den Proben ist Teil des Konzeptes. Autor, Regisseur und Schauspieler erarbeiten gemeinsam die Inszenierung. Herauskommen soll provozierendes zeitgenössisches Theater, „Dinge die die Zuschauer noch nie gesehen haben“, so Gad Elkarim. 

Das Kammertheater, mit nur 120 Spieltagen das Stiefkind des Staatstheaters, hatten die drei als Spielstätte ausgeguckt und sich bei General Intendant Wolfgang Gönnenwein mit einem ausgearbeiteten Konzept um den Raum beworben. Ein halbes Jahr wollten sie dort während der Schließtage in Inszenierungen und Lesungen das Projekt vorstellen. Für den veranschlagten Etat von 270.000 Mark waren bereits Sponsoren gefunden worden. Doch während im Ministerium für Wissenschaft und Kunst die Idee positiv beurteilt wurde ließWolfgang Gönnenwein die Bewerber nach anfänglichen Zusagen ohne Begründung abblitzen. Regisseur Gad Elkarim verärgert: „Die Missachtung ging soweit, dass wir bis heute keine schriftliche Absage erhalten haben.“ Inzwischen haben die drei ein Angebot der Stadt Frankfurt, dort mit zwei Stücken ihr Konzept vorzustellen, und auch in Berlin gibt es Interessenten für das Stuttgarter Programm.

Geht Stuttgart mit dem Autorentheater ein interessantes Projekt durch die Lappen? „Solange es Herrn Gönnenwein gibt, geht hier für uns nichts mehr“ sagt Gad Elkarim auf die Frage nach weiteren Stuttgarter Plänen. Vielleicht ist er dazu pessimistisch, denn subventionierte Theater, deren Mannschaft höchstens auf Kreisliganiveau spielt, sind in Stuttgart leider keine Ausnahme. Ein Trainerwechsel könnte mancher Bühne nicht schaden, Autorentheater wäre eine interessante Alternative. Die Esslinger haben sich auf den Weg gemacht, in Stuttgart dominieren (noch) die Bremsklötze.