Gönnenweins Stiefkind soll laufen lernen

Stuttgarter Nachrichten, 26. Oktober 1990
von Klaus B. Harms

Gönnenweins Stiefkinder

Drei Künstler und ihre Pläne für das Kammertheater:
Eine Autorenbühne im Stirling-Bau?

Mit viel Trara wurde das Kammertheater im Sterling Bau 1984 eingeweiht: doch nur Hansgünther Heyme nutzte die vielfältigen Spielmöglichkeiten von Bühne, Probebühne und Foyer ausgiebig. Ivan Nagel brachte wenig auf die Kammerbretter, und Jürgen Bosse konzentriert sich aufs Depot-Theater. Das fürs Kammertheater engagierte Techniker-Team und die angeschlossenen Abteilungen werden nicht optimal genutzt. Beispiel Oktober 1990: nur 15 Vorstellungen stehen auf dem Programm. Ansonsten: geschlossen. 

Das könnte anders werden, ginge es nach der Schauspielerin Klara Höfels, dem Autor und Regisseur Christian Elkarim („Medea Medea“) und dem Schauspieler und Regisseur Helmut Lorin: „wir wollen an dieser Bühne ein Autorentheater einrichten“, sagen die drei. Bei Generalintendant Gönnenwein hat das Trio sich schon um ein entsprechendes Direktorat beworben. Doch Gönnenwein winkte bisher ab: Mit 120 Vorstellungen im Jahr sei man ausgelastet. Das ist nur die halbe Wahrheit: Die restlichen 245 Tage im Jahr wird das Kammertheater als Probebühne missbraucht. Gönnenweins Kollege Günther Beelitz vom Bayerischen Staatsschauspiel macht es vor: Im November eröffnet er im Münchner Marstalltheater eine neue Autorenwerkstatt mit zwei Uraufführungen. Beelitz: „hier können Autoren das Theater besser kennen lernen“.

Die Münchner Pläne beflügeln die Stuttgarter Theaterleute. „Herr Gönnenwein hat nicht begriffen, was wir wollen“, sagt Regisseur Elkarim. Was die Theaterleute wollen: Junge Autoren sollen hier ihre Stücke in Kooperation mit Regisseuren und Schauspielern uraufführen, es soll Stückaufträge geben sowie Film- und Hörspielprojekte in Zusammenarbeit mit dem SDR. Ein Ensemble von etwa zehn Schauspielern soll aufgebaut werden. Das technische Equipment ist vorhanden, das Autorentheater könnte als eigenständige Bühne etatmäßig unterm Dach des Staatstheaters laufen.

„Wir wollen kein neues Theater aufmachen, sondern nur eines bespielen, das es schon gibt“, sagt Helmut Lorin. Im übrigen könne die Staatsoper auch künftig neben dem Autorentheater die Kammerbühne bespielen. Und die Kosten? Klara Höfels: „Ohne Geld gelingt kein Theater. Wir brauchen die Subventionen. Es wäre unseriös, jetzt schon genau sagen zu wollen, was das kostet“, meint Elkarim. Sicher aber sei: „Wir sind billiger als die anderen.“ Eine Million Mark pro Jahr würde man wohl brauchen. An Selbstvertrauen fehlt es dem Trio nicht, namhafte Künstler versprechen Unterstützung: Autor Urs Widmer, Karl- Heinz Braun, Chef des Verlags der Autoren, Peter Turrini, Wilfried Minks. Mit helfen sollen auch Heiner Müller, Herbert Achternbusch, Jürgen Flimm, Thomas Langhoff und Niels-Peter Rudolf.

„Das Kammertheater ist ein Stiefkind im Staatstheater“, sagt Klara Höfels. Und Helmut Lorin diagnostiziert: „Es kann doch nicht wahr sein, dass die Staatstheaterleute 125 Millionen Mark im Jahr kriegen und klagen, sie hätten kein Geld. Und es kann auch nicht sein, dass es fünf Dramaturgen im Kleinen Haus gibt, die nur über Plakate reden.“ Elkarim sagt es bündig:“wir propagieren nicht in die neue Armut, wir sind auch keine Idealisten. Wir sind nur scharf darauf, uns darzustellen und zu zeigen, dass wir besser sind als andere.“ Bekommen Sie die Chance?