Was ist ein Autorentheater?

Ganzjähriges Forum für
Theaterautoren

Das Autorentheater sucht nach den Wurzeln des Theaters, dem Schreiben, und öffnet sich durch die Reflexion den Herausforderungen die an das Theater und seine Prozesse gestellt werden.

Das Autorentheater will eine wichtige Lücke in der Theaterlandschaft schließen, indem Theaterautoren als Impulsgeber des künstlerischen Prozesses systematisch gefördert werden, der Autor neben dem Regisseur gleichberechtigt auch inszenierungsbezogene Akzente setzt, vor allem aber sollen die Schauspieler an diesen Prozessen aktiver als am Stadttheater einbezogen werden.

Analog zu diesen Prozessen wollen wir ein Publikum an das Theater binden, das von der Literatur und vom Schreiben her sein Interesse am Theater ausbildet. Damit erschließen wir neben dem bereits am Theater interessierten Publikum neue Kreise von Menschen, die in den letzten Jahren insbesondere vom Regie- oder postmodernen Dokumentartheater enttäuscht worden sind.

Die Theater in Berlin buhlen mit ähnlichen Programmen, Ausrichtungen und Handschriften um dieselben Zuschauer. Nur 20% der Berliner interessieren sich für Theater, nur 4% von ihnen besuchen die Theater der Stadt (“Theatermanagement – Eine Einführung, Prof. Thomas Schmidt, 2012). Wir wollen neue Publikumsgruppen erschließen, junge Menschen – jenseits von verordneten Schulstoffen – durch Begegnungen mit Autoren für das Theater gewinnen. Zudem wollen wir uns auch auf die demografisch starke Gruppe der 30 bis 45 jährigen konzentrieren, die die Theater systematisch meidet, weil ihre medial geprägten Freizeitinteressen – Internet und gestreamte Fernsehserien, wie auch auf Sport – kaum mehr einen Zugang für Theater ermöglichen. Dies können wir nur durch zeitgenössische Stoffe.

Wir wollen ein Theater sein, das durch Inhalte geprägt, am Diskurs teilnimmt. Unsere Autoren sollen sich mit der Wirklichkeit auseinander setzen. Deshalb werden wir auch Auftragsarbeiten zu aktuellsten Themen vergeben und Ausschreibungen veranlassen, die zu einer großen Aufmerksamkeit führen werden.

Ein Autorentheater bietet zeitgenössischen Theaterautoren jeden Alters, jeden Geschlechts und jeder Nationalität ganzjährig ein Forum, ihre Arbeiten in einem professionellen Rahmen weiter zu entwickeln und sie einem interessierten Publikum und der Presse vorzustellen. Die Autoren sind durch die kontinuierliche Zusammenarbeit mit Schauspiel, Regie und Dramaturgie unmittelbar und maßgeblich am Entstehungsprozess der Uraufführung oder der Szenischen Lesung ihres Textes beteiligt und erhalten für ihre Arbeit ein entsprechendes Honorar.

Kontinuierliche Autorenpflege

Anfang der neunziger Jahre hat sich die Situation für zeitgenössische Dramatiker entscheidend verbessert – besonders für junge Autoren. Heute gibt es an sieben Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz Lehrgänge für Szenisches Schreiben; die Theater vergeben Auftragsarbeiten und engagieren Hausautoren bzw. Writers in Residence – wie etwa das Schauspiel Frankfurt und das Nationaltheater Mannheim. Auf Stückemärkten in Mülheim/Ruhr und in Heidelberg sowie während des Theatertreffens in Berlin haben die Autoren einmal im Jahr die Gelegenheit, ihre Werke der Öffentlichkeit in Lesungen und Szenischen Lesungen vorzustellen. Sogenannte Autorentheatertage mit ähnlicher Ausrichtung oder als Wettbewerb konzipiert gibt es mittlerweile an vielen deutschsprachigen Theatern.

Alle diese Initiativen finden jedoch in einem begrenzten Zeitraum statt. Auch der scheinbare Boom zeitgenössischer Stücke auf deutschen Bühnen ist aus der Sicht der Autoren nicht durchweg positiv zu beurteilen. Denn meist werden Stücke, die als Uraufführung gezeigt wurden, kein zweites Mal inszeniert. Die Honorare für Stückaufträge, Ur- und Erstaufführungen nehmen dramatisch ab. Der Hype um Neuentdeckungen und junge Dramatiker lässt die älteren, nicht weniger interessanten in Vergessenheit geraten. Neue Stücke werden meist auf den Studiobühnen und nur sehr selten auf der großen Bühne gespielt, um die Abonnenten nicht zu “verschrecken”.

Bis dato überlässt man die Texte eher Regieanfängern, statt sie erfahrenen Regisseuren anzuvertrauen. Zudem sind viele Autoren mit der Inszenierung ihrer Werke nicht einverstanden; es kommt nicht selten vor, dass Premieren von den Autoren untersagt werden. Insgesamt fehlt es nach wie vor an der transparenten Kommunikation und nachhaltigen Zusammenarbeit zwischen Theaterleuten und Stückeschreibern. Der Mythos von der Unabhängigkeit und substantiellen Praxisferne der Autorschaft mag dazu beitragen.

Ein Autorentheater als Forum für Gegenwartsdramatik, angesiedelt an einer geeigneten Spielstätte, widmet sich durch Uraufführungen und Szenische Lesungen mit anschließenden Publikumsgesprächen und anderen flankierenden Maßnahmen ganzjährig der intensiven und andauernden Förderung und Pflege von Theaterautoren.

Es initiiert und garantiert den regen und nachhaltigen Austausch zwischen Theaterautoren, Theatermachern, Verlagen, Medien und anderen Theaterinteressierten. Es versteht Theaterarbeit als genuin prozesshaft. Es ist offen für Autoren jedes Geschlechts, jedes Alters und jeder Nationalität. Es plädiert für eine Diversität der Stile und Genres, misstraut der Kategorisierung von Stücken nach künstlerischem bzw. Unterhaltungswert und orientiert sich nur an der Qualität der Textvorlagen.

 Neue Schreib- und Produktionskultur

Zeitlich begrenzte Initiativen wie Autorentheatertage und Stückemärkte stellen überwiegend die Präsentation des fertigen Textes in den Mittelpunkt, der dann den Weg in die Theaterverlage bzw. in die Schauspieldramaturgien finden soll. Die Arbeit des Autors ist damit meist beendet; er muss seinen Text “loslassen” und ihn, so es zur Uraufführung kommt, der Regie anvertrauen. Meist kommt es erst in den Endproben oder gar anlässlich der Premiere zu einem neuerlichen Kontakt zwischen Autor und Produktionsteam; Einflussnahmen von Seiten der Autoren sind dann kaum mehr möglich.

Die Funktion des Autors im Realisationsprozess seines Textes als ‘Theater-Stück’ ist – wie man es von der Arbeit an den Klassikern gewohnt ist – meist beschränkt auf das “fünfte Rad am Theaterkarren” (Theater der Zeit, Nr. 10, S. 62); ausgeprägte Formen des Regietheaters sehen den Autor des Öfteren gar in der Rolle des Störenfriedes.

Das Autorentheater stellt dagegen Autor, Text, Regie und Dramaturgie in einen wechselseitig wirkenden Produktionszusammenhang – ausgehend von der vermeintlich trivialen Tatsache, dass ein Text erst durch seine Realisierung auf der Bühne zum Theaterstück wird. Die Arbeit eines Theaterautors kommt erst mit der Inszenierung seines Textes zu einem Abschluss.

Im Autorentheater werden die Autoren zum eigentlichen Motor und Mittelpunkt des Theaterprozesses. Durch die unmittelbare und intensive Zusammenarbeit von Dramatikern und Theatermachern, durch eine inhaltlich-strukturelle Auseinandersetzung mit den Schreibenden und ihren dramatischen Vorlagen können sich die Texte der Theaterautoren im Laufe des Arbeitsprozesses ändern, kann sich die Qualität der Uraufführungstexte im besten Falle steigern. Daraus ergeben sich für die Zukunft neue Perspektiven: Im Wissen um Darstellung und Theatergegebenheiten wird deren “Bühnentauglichkeit” erhöht.

Aber auch das Theater und seine Mittel haben die Chance, durch die Konfrontation mit der Eigengesetzlichkeit dramatischer Texte zu wachsen. An geglückten Inszenierungen von Stücken der Autorinnen Elfriede Jelinek und Anne Lepper etwa lässt sich erkennen, dass auch Texte produktiv auf das Theater zurückwirken und seine Möglichkeiten erweitern können, weil sie eine Herausforderung darstellen. Texte von Jelinek und Lepper galten zunächst als unspielbar und an den Bedürfnissen des Theaters vorbei geschrieben – und haben das Theater mittlerweile doch erobert.

Auf genau dieses produktive Zusammenspiel, auf die wechselseitige Erweiterung der Horizonte zielt die neue Produktionskultur des Autorentheaters – Forum für Gegenwartsdramatik. Unter diesen Voraussetzungen werden Szenische Lesungen und Uraufführungen langfristig erfolgreich vor Publikum und Presse bestehen können: “Arbeitsbeziehungen zwischen Autoren und Regisseuren sind die einzige produktive Gegenwehr gegen flüchtige Moden und Marktbewegungen’” (John von Düffel).

Ein Autorentheater als Forum für Gegenwartsdramatik, das auf einer neuen Schreib- und Produktionskultur basiert, kann sich nicht den Strukturen und der Spielplangestaltung eines bestehenden Theaters anpassen, sondern muss die Rahmenbedingungen für seine optimale Entfaltung selbst schaffen.

Ein Plus für das Publikum

Nicht nur Autoren und Theaterschaffende, auch das Publikum profitiert maßgeblich von der veränderten Schreib- und Produktionskultur eines Autorentheaters. Der Beitrag des Zuschauers zum Theaterprozess ist evident: Kein Theater ohne Zuschauer! Die Zuschauer verdienen es also, dass sie auch im Realisierungs- bzw. Inszenierungsprozess rund um zeitgenössische Theatertexte mitbedacht, mitberücksichtigt werden.

Ein Autorentheater, das die “Theatertauglichkeit” dramatischer Texte in den Fokus rückt, sollte um die bestmögliche Integration des Zuschauers in seine Präsentationen bemüht sein, denn es handelt mit “Ware”, die traditionellen Sehgewohnheiten oft genug widerspricht. Es wirbt um die Sympathie der Zuschauer, scheut sich aber auch nicht davor, ihnen unangenehme Wahrheiten zuzumuten. Einführungen, Nachbereitungen und Diskussionen sowie flankierende Maßnahmen wie Think Tanks sind unverzichtbare Instrumente der Publikumspflege und -Nachwuchsförderung. Durch ihren kommunikativen Charakter bieten sie den Theaterschaffenden umgekehrt die Möglichkeit, sich von den Erfahrungen und der Lebenswirklichkeit der Zuschauer für die eigene Arbeit inspirieren zu lassen. Publikum und Produktionsteam profitieren wechselseitig voneinander.

Ein ganzjähriges Autorentheater betreibt auf lange Sicht Blick- und Geschmacksschulung für Zuschauer aller Generationen; es schafft Identifikationsmöglichkeiten durch Kontinuität, fördert die Kommunikation und öffnet Türen zu neuen Horizonten. Dadurch wird es zum ernsthaften Konkurrenten für Klassiker und Repertoirestücke. Oder: Um neue Dramatik bekannt zu machen und sie im Bewusstsein des Publikums zu verankern, braucht man eine Bühne, die die Konkurrenz der Klassiker und Repertoirestücke bewusst vermeidet – und sich ausschließlich Gegenwartsautoren widmet.